Ich liege im kühlen Sand und schaue in den Nachthimmel. Über mir die Milchstraße. Sternenbilder kann ich nur wenige erkennen. Zu viele Sterne strahlen um die Wette. Es ist ganz still. Das Gemurmel aus dem Aufenthaltszelt ist schon lange verstummt. Die anderen liegen in den Zelten und schlafen tief und fest. Der Mond ist noch nicht am Himmel. Ich bin noch mal aufgestanden, um diese zauberhafte Atmosphäre zu genießen. Morgen startet die erste Etappe des Trans Sahara Marathons (TSM) und ich bin froh, dabei sein zu können.
Ich war schon mal hier, vor genau zehn Jahren. Damals war es die Premiere des Ultra Trail Morokko Eco Sahara, der Vorgänger dieser Veranstaltung und mein erster Ultra in der Wüste. Der abenteuerliche Lauf hat sich stark bei mir eingeprägt und nach zehn Jahren war es an der Zeit, mal wieder hierher zu kommen und zu schauen, was mit unseren Palmen passiert ist, die wir damals gepflanzt hatten. Aber von Anfang an.
Dem kalten deutschen Winter kann man so einfach entfliehen, und Marokko ist ein gutes Ziel dafür. Insbesondere für Läuferinnen und Läufer, die die Wüste lieben. Es gibt mittlerweile ein großes Angebot an Rennen, die auf europäische Bedürfnisse zugeschnitten sind.
Den Marathon des Sables kennt bei uns jeder, aber die kleineren, recht familiären Veranstaltungen kennen nur Insider. Schade eigentlich, denn gerade bei diesen Rennen kann man tief in das Land eintauchen und die fantastischen Landschaften ohne Druck und allzu große Strapazen läuferisch erleben. Die beiden Seriengewinner des Marathon des Sables, die Brüder Ahansal, bieten dazu im Atlasgebirge, aber auch in ihrer Heimat um Zagora verschiedene, und im Vergleich zum MDS , erschwingliche Laufveranstaltungen an. Wir haben uns für den Trans Sahara Marathon entschieden. In 4 Etappen geht es 150 Kilometer durch die vielfältigen Landschaftsformen der Wüste.
Ich bin mit dem bewährten Team vom letzten Wüstenlauf in Jordanien unterwegs. Nur Astrid musste passen. Eine langwierige Verletzung hat ihre Teilnahme vereitelt. Also besteigen Buki, Katja und ich bei eisigen Temperaturen in Frankfurt Hahn die Maschine nach Marrakesch. In der Reihe vor mir sitzt Sven. An den Schuhen erkennt man den Läufer. Er wird mit uns seinen ersten Wüstenlauf bestreiten. Nach dreieinhalb Stunden steigen wir in Marrakech aus dem Flieger.
Es ist Abend, aber noch angenehm warm. Die Einreiseprozedur hat sich seit meinem letzten Aufenthalt deutlich verbessert. Im Flughafen wird noch etwas Geld getauscht. Sven kauft sich eine SIM-Karte. Dann geht es mit dem Taxi durch das Getümmel aus Autos, Kutschen, Mofas und Motorrädern zum Hotel. In der nahegelegenen Einkaufs-Mall wollen wir uns noch mit Bier eindecken, aber die Abteilung mit Alkohol ist schon geschlossen. Naja, dann muss es auch mal so gehen. Für einen Besuch der Souks ist es schon zu spät. Dafür ist auf dem Rückweg noch Zeit.
Am nächsten Morgen müssen wir schon früh aus den Federn. Um sieben Uhr geht es für die knapp 40 Teilnehmenden in zwei kleinen Bussen über den Hohen Atlas. Weitere Teilnehmer kommen morgen noch dazu. Der Hohe Atlas durchzieht Nordafrika in mehreren Gebirgsketten bis nach Tunesien und grenzt die Sahara im Süden vom feuchteren Klima im Norden ab. Auch hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Die Straße ist relativ neu und an den Steigungen breit genug, die vielen langsamen LKWs überholen zu können. Wir machen ein Picknick in der mondähnlichen Landschaft kurz vor dem Tizi n'Tichka Pass.
Eine zweite Pause gibt es in Ouarzazate, das uns mit seinen großen Filmstudios empfängt. Hier beginnt das Drâatal. Der Fluss begleitet uns während unserer gesamten weiteren Reise. Bis Zagora ist er noch als Wasserlauf erkennbar. Danach versandet er komplett und sein Bett ist normalerweise nur noch durch vereinzelte Oasen erkennbar. Im letzten September gab es jedoch so heftige Regenfälle, dass der Fluss das gesamte Tal bis tief in die Wüste hinein überflutete.
Das Drâatal zählt zu den Top-Sehenswürdigkeiten Marokkos. Im Hintergrund die kahlen Berge, davor blühende Gärten und Palmenplantagen. Dazwischen alte Lehmdörfer und imposante Kashbas. Eine Bilderbuchlandschaft. Wir passieren Zagora und erreichen nach fast neun Stunden Fahrt unser Wüstencamp in M’Hamid, eine kleine Oase, die durch ihre Nähe zur algerischen Grenze früher militärisches Sperrgebiet war. Heute dient sie als Ausgangspunkt vieler Wüstenexkursionen.
Unser Camp befindet sich direkt neben einem Campingplatz. Dadurch haben wir hier noch den Luxus eines Sanitärhäuschens mit Duschen und Toiletten. Buki und ich beziehen das Zelt mit Sven und Reinis aus Lettland. Katja teilt sich die Unterkunft mit Jennifer und zwei Japanerinnen. Eine davon kenne ich von den Pyrenäen. Tomomi ist eine bekannte Läuferin und in der ganzen Welt unterwegs. Silvain aus Frankreich ist auch ein bekannter Läufer und wir kennen uns von der Premiere vor zehn Jahren.
Tanja stößt zu uns. Ich kenne sie von einem Wüstenlauf in Tunesien. Sie bereitet sich auf eine ganz spezielle Challenge vor. Sie will bei ihrem Global Desert Race in 10 verschiedenen Wüsten jeweils 1000 Kilometer laufen und mit diesem Projekt auf die Bedeutung einer sicheren Wasserversorgung hinweisen. Durch den Klimawandel werden sich die Trockengebiete weiter ausdehnen und der Zugang zu Trinkwasser wird zukünftig ein bedeutender Faktor für den Weltfrieden darstellen. Sie nutzt den Trans Sahara Marathon als Akklimatisation und Einstieg in ihr Abenteuer, das in einer Woche beginnen soll. Star und Favorit des Rennens ist MDS -Gewinner Mohamed El Morabity, Bruder von Rachid, dem Seriengewinner. Auch er nutzt den TSM als Vorbereitung.
Unsere neue Familie kommt aus 17 verschiedenen Nationen. Einige bereiten sich hier auf den Marathon des Sables vor. Andere haben den MDS schon mehrfach gefinisht. Ein Teilnehmer aus Luxemburg bereits 26-mal. Es sind aber auch viele Wüsten-Novizinnen und Novizen am Start. Insgesamt ist es eine interessante und angenehme Truppe.
Den ersten Tag haben wir zur Akklimatisation. In der Nacht war es kalt, aber sobald die Sonne erscheint, spendet sie angenehme Wärme. Den Morgen verbringen wir mit kleinen Spaziergängen. Am Nachmittag ist dann Ausrüstungscheck und die Startnummern werden verteilt. Der Rennarzt gibt noch ein paar Tipps zur Fußpflege und erinnert daran, dass ein ausgeglichener Wasserhaushalt die wichtigste Rolle spielt. Am Nachmittag kommt heftiger Wind auf und trägt den Sand in unsere Zelte und in jede Ritze des Körpers, aber am Abend hat sich der Wind gelegt. Bevor der Mond aufsteigt, stehe ich nochmal auf und staune über den funkelnden Sternenhimmel.
Ich freue mich auf eine Woche ohne Nachrichten, ohne WLan und ohne Zivilisations-Stress. Einfach nur Laufen.
Der nächste Morgen beginnt mit einem guten Frühstück. Es ist noch dunkel und kalt ist es auch. Während wir unsere Taschen packen und uns auf die erste Etappe vorbereiten, spendet die Sonne die ersten wärmenden Strahlen. Wir sind froh, dass es endlich losgeht. Laute marokkanische Musik dröhnt aus den Lautsprechern und pünktlich um halb zehn schickt uns Mohamad auf die Strecke. Vorher hat er uns noch eingetrichtert, unbedingt auf die Markierung zu achten. Denn ganz unüblich, ist die Strecke oftmals dicht bewachsen. Hier stand im September alles unter Wasser, was auf der Strecke nicht nur durch oftmals sattes Grün klar wird, sondern auch durch die dicke Schlammkruste, die zurückgeblieben ist und die ab jetzt unser ständiger Begleiter sein wird. Abgesehen natürlich vom Sand, der das meiste bereits wieder zugedeckt hat. Der GPX-Track auf unserer Uhr ist also nur bedingt zu gebrauchen.
Wir überqueren die sandige Ebene vor unserem Camp. Dann folgt ein ewig langes Kiesbett. Schließlich sind wir hier immer noch im versandeten Drâatal. Am Rand große Flächen mit Schlammkruste. Nach einer Reihe kleiner Sicheldünen wird es immer grüner. Blühende Pflanzen überall und viele fette Raupen auf der Strecke, die den vielen zwitschernden Vögeln ein Festmahl bieten. Dazwischen immer wieder vegetationslose Passagen. Im Hintergrund sind schon die hohen Dünen des Erg Chegaga zu sehen. Golden leuchten sie vorm blauen Wüstenhimmel. Die weißen Flecken, über die ich gerätselt habe, erweisen sich beim Näherkommen als Bienenkästen. Auch sonst wird die ungewöhnlich Futterquelle ausgiebig von Kamelherden genutzt.
Unsere Futterquelle ist recht dürftig. Sie besteht aus einem Landrover, an dem man die Wasserflaschen auffüllen kann. Ich habe eindeutig zu wenig getrunken, aber die trockene, noch kühle Luft lässt einen die Notwendigkeit der konstanten Wasseraufnahme leicht vergessen. So geht es auch Katja, die beim Ausleeren der Schuhe einen satten Krampf in die Wade bekommt. Ab jetzt wird regelmäßig getrunken. Keine Anfängerfehler mehr!
Die Temperaturen sind gegen Mittag schnell gestiegen und die anfangs noch kühle Luft bringt jetzt keine Erfrischung mehr. An der zweiten Verpflegung gibt es außer Wasser noch süßen, kräftigen Tee. Lecker. Meine Ausrüstung mit Gamaschen aus Kniestrümpfen und relativ dichten Schuhen hat sich schon in Jordanien bewährt und so muss ich im Gegensatz zu meinen beiden Mitstreitern nicht mit ständigem Sand in den Schuhen kämpfen. Die Strecke wechselt immer wieder zwischen Bewuchs und Tiefsand. Kleine Dünen lockern die Szenerie auf. Dazwischen grasende Kamele und sogar Schmetterlinge. Wüste, wie aus dem Bilderbuch.
Schon von weitem erkennen wir die hellen Zelte unseres Camps. Es liegt am Fuße einer großen Düne, die wir nach gut 4 Stunden und dreißig Kilometern erreichen. Im Versorgungszelt gibt es Brot und Tee. Auch heißes Wasser steht bereit für alle, die sich ein Fertiggericht zubereiten wollen. Ich nehme einen Tee, eine Flasche Wasser und verbringe die Zeit der größten Hitze in unserem Zelt. Reines und Sven sind schon länger im Ziel. Auch der Hund, der gestern um unsere Zelte gestrichen ist, ist im Camp. Er ist mit der Spitzengruppe mitgelaufen und liegt schlafend neben unserem Zelt. Später wird er von den Anwesenden ausgiebig verpflegt und gestreichelt.
Buki und ich machen auch ein Nickerchen. Am Nachmittag ist dann Körperpflege angesagt. Um sich den gröbsten Schmutz abwaschen zu können, bekommt jeder einen Eimer mit etwa drei Liter Wasser und einer Schöpfkelle. Das reicht auch überraschend gut, um das Salz und den Sand auf der Haut loszuwerden. Mehr braucht es nicht.
Ich mache einen Spaziergang und besteige die Düne. Katja begleitet mich, und wir genießen den warmen Sand unter den Füßen. Um 19 Uhr ist dann Dinner. Als Vorspeise gibt es ein Süppchen. Dann Reis, Gemüse und wer mag Hühnchen oder Rindfleisch. Zum Nachtisch Bananen und Mandarinen. Für unseren Traildog fällt auch genug ab. Er bekommt eine große Schüssel mit Reis und Knochen. Um neun Uhr liegen alle im Bett.
In der Nacht haben wir Vollmond. Schade. Die Sterne treten bei dem hellen Licht zurück.
Um sieben Uhr gibt es Frühstück. Danach Morgentoilette und Tasche packen. Unser tägliches Ritual. Wenn die Musik startet, geht es bald los. Wir starten auf allgemeinen Wunsch eine halbe Stunde früher, um 9 Uhr. Heute stehen 32 Kilometer auf dem Programm. Unser Traildog ist auch startklar. Er ist jetzt quasi das Renn-Maskottchen. Insgesamt wird es heute sandiger. Nach einer ausgedehnten Ebene nimmt der Bewuchs wieder zu, der von einigen Schaf-, Ziegen- und Kamelherden als Futterwiese genutzt wird. Dann folgt eine langgestreckte Dünenkette mit viel Weichsand. Die Markierung ist perfekt. Kleine Fähnchen und Flatterband alle 50 Meter sind die Wegweiser. In der Ferne erkennt man auch immer mal wieder Läuferinnen und Läufer beim Überqueren der Dünen. Trotzdem muss man aufmerksam bleiben. Hat man die Strecke erst mal verloren wird es schwierig nochmal auf den Track zurück zu finden. Fußspuren werden vom Wind sehr schnell wieder zugeweht.
Heute trinken wir von Anfang an. Nach jedem Liter Wasser nehme ich zusätzlich eine Salztablette ein. Körperlich geht es mir sehr gut. Allerdings spüre ich einen nagenden Schmerz im Kiefer. Da bahnt sich was Unangenehmes an. Vorerst genieße ich aber die Strecke. Wir kommen gut voran. Immer näher rücken die hohen Dünen des Erg Chegaga. Entlang eines kleinen Canyons erreichen wir die Quelle Oum Lâalag. Die „Source Sacré“ gilt den Kamelkarawanen mit dem Schatten der vielen Palmen und Akazien seit der Frühzeit als Rastplatz und heilige Quelle. Auch unsere Verpflegungsstation ist hier untergebracht und passenderweise bekommen wir zum Wasser Kekse, Nüsse und Datteln.
Die Camps, von denen es hier einige gibt, sind durch den katastrophalen Regen und den einhergehenden Überschwemmungen stark beschädigt worden. Insbesondere die Lehmbauten hat es hart getroffen. Der Schaden für die Region ist wirklich enorm. Nach der Oase laufen wir lange Strecken durch Geröll und die Kiesel des versandeten Flusses. Orangene Punkte auf den Steinen zeigen uns den besten Weg. Es ist Mittag und sehr warm. Auch hier hat die Überschwemmung einen grünen Streifen hinterlassen. Dann wieder brettebene Ödnis. In weiter Ferne, wie gestern, unser Camp am Fuße einer hohen Düne.
Im Ziel dann gleiches Procedere, wie am Vortag. Hund streicheln, Tee trinken, Nickerchen machen und danach Körperpflege. Dann steige ich zur Düne hoch und telefoniere mit meiner Frau. Bei der Mobilfunk-Abdeckung könnten wir selbst in Deutschland noch was von Marokko lernen. Meine Zahnschmerzen werden stärker und ich nehme abends eine Schmerztablette, damit ich einschlafen kann. Die Erholung brauche ich, denn morgen geht es über die hohen Dünen des Ergs.
Der Erg Chegaga ist Marokkos größte Sandwüste. Der dunkelgelbe Sand bildet auf einer Fläche von 150 Quadratkilometern bis zu 100 Meter hohe Sanddünen.
Heute geht es vor dem Start etwas entspannter zu. Wir laufen eine Schleife durch das Dünengebiet und sind abends wieder im gleichen Camp. Dadurch entfällt das Packen der Tasche. Mein Zahn tut höllisch weh. Die rechte Backe ist angeschwollen. Egal, da muss ich jetzt durch. Ich telefoniere mit meiner Frau, damit sie mir gleich für Montag einen Termin bei meinem Zahnarzt macht. Ein Besuch des örtlichen Dentisten möchte ich vermeiden. Wahrscheinlich gibt es als Werkzeug nur eine große Rohrzange. Ich muss an Tom Hanks in „Cast away“ denken und bin froh, dass ich keinen Schlittschuh dabeihabe. Ich versuche den Schmerz mit Tabletten im Zaum zu halten, was auch ganz gut gelingt.
Trotz allem freue ich mich sehr auf die heutige Etappe.
Bevor wir die großen Dünen erreichen, gilt es wieder, erst einen Grünstreifen zu durchqueren. Der Bewuchs ist recht dicht und wir müssen aufpassen, keine Markierung zu verlieren. Kreuz und quer hat das Markier-Team einen Weg durch dieses Labyrinth gelegt. Das war bestimmt keine einfache Aufgabe. Als ich das letzte Mal hier war, gab es nur Sand. An Mohamads Camp ist die Verpflegung. Auch hier sind große Schäden entstanden.
Nach einem leckeren Tee tauchen wir endgültig in das Sandmeer ein. Riesige Dünen liegen vor uns. Die Führenden erkennen wir ab und zu als winzige Punkte auf den Dünenkämmen. Berghoch stapfen wir geduldig Schritt für Schritt bis zum Scheitelpunkt. Bergab kann man es dann rollen lassen. Oft versinkt man dabei knietief im weichen Sand. Die geschwungenen Formen der Kämme und die leichten Wellen auf den Flanken lassen die Dünen in perfekter Schönheit erblühen. Sand, soweit das Auge reicht. Darauf als bunte Punkte, verstreut, die Läuferinnen und Läufer. Ich kann mich gar nicht satt sehen.
Nach 10 oder 12 Kilometern kommt die nächste Verpflegung. Die Dünen sind jetzt nicht mehr so hoch. Ich kenne diesen Abschnitt noch vom letzten Mal. Wir durchqueren ein Band von Sicheldünen. Dazwischen kann man noch sehr gut erkennen, wie hoch das Wasser hier stand und dass hier stellenweise ein riesiger, breiter Fluss geflossen sein muss. Tierknochen erinnern daran, dass es wohl nicht nur Schäden an den Camps gab, sondern dass auch viele Tiere zu Schaden gekommen sind. Wo der Bewuchs zunimmt, treffen wir wieder auf Weidetiere. Dann wird es karg.
Nur ein paar Akazien durchbrechen die gerade Linie am Horizont. Der lange Gebirgszug, der uns seit dem Start auf der rechten Seite begleitet hat, liegt nun links. Das bedeutet, dass wir den Scheitelpunkt erreicht haben und jetzt wieder zurücklaufen. Mein Zahn verlangt nach einer weiteren Dosis. Es ist sehr warm und die Dünen haben viel Kraft gekostet. Wir vermuten unser Camp hinter dem vor uns liegenden Dünenstreifen, was sich aber als Irrtum herausstellt. Erst müssen wir eine steinige Ebene durchqueren. Dann noch eine hohe Düne und schließlich liegt unter uns das Camp.
Trotz der Schönheit der heutigen Etappe, bin ich froh, dass es vorbei ist. Wir mussten ziemlich Federn lassen. Bukis großer Zehennagel hat sich weitestgehend verabschiedet und auch bei mir gibt es kleinere Blasen zu versorgen. Das Laufen im Sand ist halt sehr speziell und der fehlende Halt führt schnell zu Blessuren an den Füßen. Sand in den Schuhen wirkt dabei als Multiplikator.
Die Warteschlange vor dem Sanitätszelt ist daher heute entsprechend lang. Also machen wir erst mal Körperpflege und ein Nickerchen. Das Wichtigste bei einem Stage Race ist schließlich die Regeneration. Morgen haben wir mit 50 Kilometern die längste Etappe vor uns. Nachdem die Füße fachmännisch versorgt sind, genießen wir das Abendessen. Danach gibt es nochmal ein Briefing. Die langsamen Läuferinnen und Läufer starten schon in der Dunkelheit um sieben Uhr. Für alle anderen geht es um acht auf die Strecke. Wir kriechen früh in den Schlafsack. Die Nachttemperaturen sind jetzt auch nicht mehr so frisch. Der Schmerz im Zahn lässt mich aber nachts nicht so recht zur Ruhe kommen.
Kurz nach sechs sind meine Zeltbewohner schon auf den Beinen. Ich ziehe den warmen Schlafsack noch etwas höher und drehe mich wieder um. Kurz vor sieben ist aber auch für mich Schluss. Die Tasche ist schon gepackt. Die nächste Übernachtung haben wir im Hotel. Für die Helfer ist deshalb heute der letzte Arbeitstag. Nach dem Abbau der Zelte, geht es für sie zurück zur Familie. Ich verabschiede noch die Läuferinnen und Läufer des Frühstarts und stärke mich für die letzte Etappe beim Frühstück.
Mein Magen fühlt sich nicht gut an. Wahrscheinlich sind die Schmerztabletten daran schuld. Ich beschließe, darauf zu verzichten. Den Umgang mit Schmerzen ist man als Ultra-Läufer ja gewohnt. Wird schon irgendwie gehen. Bukis großer Zeh passt nicht so richtig in die Schuhe und muss neu getaped werden. Bei mir haben sich die Füße gut erholt. Katja hat müde Augen. In ihrem Zelt wurde die ganze Nacht in irgendwelchen Taschen gesucht oder geräumt und sie wurde ständig davon geweckt. Wir schauen uns an und lachen. Wir beschließen, es heute in aller Ruhe anzugehen und die letzte Etappe nochmal voll zu genießen.
Wir starten in der Dämmerung. Stirnlampen brauchen wir dafür aber nicht. Über eine steinige Ebene geht es Richtung Nordwest. Bei dem weithin sichtbaren Tafelberg vermute ich eine Lücke im Gebirgszug, den wir heute überqueren werden. Die Strecke hatte ich beim letzten Mal in völliger Dunkelheit zurückgelegt und kann mich nicht mehr an landschaftliche Highlights erinnern. Außerdem waren wir stark mit dem Finden des Weges beschäftigt und hatten uns mehrfach verlaufen. Das ist heute fast unmöglich. Alle 30 bis 40 Meter gibt es einen orangefarbenen Punkt auf einem Stein.
Schon nach wenigen Metern blinzelt die Sonne über den Horizont. Nach ein paar Sandverwehungen lassen wir die Dünen endgültig hinter uns. Vor uns eine breite Ebene, gespickt mit Steinen. Ein paar Akazien in der Ferne, ansonsten nur Geröll. Schließlich biegen wir links auf einen kleinen Kamelpfad ab, der uns zu den Bergen führt. Die erste Verpflegung ist bei Nomaden, die uns zum Wasser frisch gebrühten Tee anbieten, den wir gerne annehmen. Über große Felsbrocken steigen wir ab in einen Canyon, dem wir lange folgen.
Im Flussbett steht noch Wasser und kleine Kröten hüpfen überall herum. Mal weitet sich der Flusslauf, dann wird es wieder enger. Links und rechts begleiten uns hohe Tafelberge. Der schmale Pfad ist voller Kamelspuren. Es handelt sich wohl um einen alten Karawanenpfad. Mal geht es mitten durchs Flussbett, dann windet sich der Weg in die Höhe und wir haben eine herrliche Aussicht auf kleine Oasen mitten im Bett. Ein Rinnsal plätschert über die Felsplatten, die jetzt die Sohle bilden. Blüten überall. Dazwischen die kleinen Kröten. Über uns die riesigen Tafelberge. Traumhaft schön.
An einer größeren Oase gibt es unter Palmen Nachschub für unsere Wasserflaschen. Danach verlassen wir den Flusslauf. An einer Wasserstelle wird unter Folie Gemüse angebaut. Vor uns der Grund für die vielen Kamelspuren. Wir überholen eine kleine Karawane. Der schmale Pfad windet sich in die Berge. In weiter Ferne kann man bereits die Stelle erkennen, wo wir den Gebirgszug endgültig überqueren werden. Der Kamelpfad führt stetig bergan.
Bei mir ist die Tube leer. Bei Buki auch. Katja ist noch fit. Sie will nicht von der Karawane überholt werden. An einem Scheitelpunkt rasten die Tiere, damit die Männer ihr Gebet durchführen können. Somit haben wir wieder etwas Vorsprung, den wir auch nicht mehr hergeben werden. Wir durchqueren ein weites Tal und steigen am anderen Ende auf zum letzten Pass. Dort ist auch die letzte Verpflegung.
Wir blicken in die unter uns liegende Ebene. Viele grüne Vierecke zeugen von intensivem Anbau. Große Teile der Fläche werden bewirtschaftet. Hier stand auch das Camp von Mohamad, das bei den Überschwemmungen vollständig zerstört wurde. Ob unsere Dattelpalmen noch stehen, die wir bei der Premiere gepflanzt hatten, kann ich also nicht mehr überprüfen.
Wir folgen einem breiten Fahrweg bis ins Tal. Jetzt ist es nicht mehr weit bis ins Ziel. Ein schmaler Pfad führt uns durch lockeres Gebüsch und Akazien, die Katja als Schattenspender dienen. Buki und ich haben keine Lust mehr zu laufen. In schnellem Schritt ziehen wir an etlichen Plantagen vorbei. Katja läuft vor und wartet im Schatten auf uns. Von weitem hören wir die Lautsprecher vom Zielkanal. Noch ein letztes Mal durch den Weichsand eines Flussbettes, dann erreichen wir das Ziel. Mohamad und alle anwesenden Läuferinnen und Läufer gratulieren zum Finish.
Eine fantastische Reise geht zu Ende. Wir warten gemeinsam auf Jennifer und eine der Japanerinnen, die kurz nach uns ins Ziel kommen. Der Hund ist auch noch da. Er wird hier von den Einheimischen versorgt, bis er mit einer Reisegruppe wieder in die andere Richtung aufbricht. So hat er es wohl schon oft getan, berichtet uns Mohamad.
Für uns geht es mit dem Bus ins 45 Km entfernte Zagora, wo wir uns in einem schönen Hotel den Staub von den Knochen waschen. Am Abend gibt es dann die Siegerehrung und wir tanzen noch am Pool bis in die Nacht. Mein Zahn gibt endlich etwas Ruhe. Vielleicht liegt es auch am Finisherbier.
Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von Tanja. Am Dienstag beginnt ihr 1000km Monster-Projekt und wir wünschen ihr viel Erfolg und alles Gute. Das Mittagessen nehmen wir auf der Sonnenterrasse am Tizi n'Tichka Pass ein und erreichen schon am Nachmittag unser Hotel in Marrakech. Der Besuch der Souks ist ein krasser Gegensatz zu unseren Erlebnissen der letzten Woche. Für mich ist das Abendessen auf der wunderschönen Dachterrasse der perfekte exotische Ausklang für dieses wunderschöne Wüstenabenteuer.
Bei meinem Zahn war übrigens die Wurzel entzündet. Sie war nicht mehr zu retten und wurde am Montag vom Zahnarzt meines Vertrauens endgültig entfernt.
Fazit
Der Trans Sahara Marathon ist ein fantastisches Rennen für alle Wüstenliebhaber. Historische Stätten und Bilderbuch-Landschaften zaubern die Kulisse für ein grandioses Laufabenteuer.
Die Reise ist bestens organisiert. Die Betreuung ist vorbildlich. Im fairen Reisepreis ist alles enthalten, bis auf Softdrinks und Alkohol. Die bringt man am besten aus Marrakech mit. Die Hotel-Unterkünfte waren sauber, mit Pool und allen Annehmlichkeiten. Das Camp war einfach aber ausreichend. Ich hatte einen warmen Schlafsack und eine Luftmatratze dabei.
Das Essen war hervorragend und ließ keine Wünsche offen. Es gibt Frühstück und ein Drei-Gänge-Abendessen. Wer möchte, kann sich für den Mittag mitgebrachte Fertiggerichte zubereiten. Wasser, Tee und Brot steht aber den ganzen Tag bereit.
Mohamad spricht Deutsch und Französisch. Es gibt auch englischsprachige Helfer. Die ganze Reise ist einfach zu bewerkstelligen und damit nicht nur für Extrem-Sportler geeignet.
Strecken
150 Km in 4 Etappen (35/35/30/50 km)